Brief 36

Brief von Germano Bernardo BAKU, Generalvikar der Diözese Wau vom 25. September 2017

Lieber Abt Emmanuel
Ich möchte auch dieses Mal Ihnen, der Abtei und allen Wohltätern meinen tiefen Dank aussprechen, dass Sie dem Volk von Südsudan so viel helfen. Einmal mehr danke ich Ihnen für die grosszügigen Spenden. In den Staaten Aweil Ost, Wau, Gogrial und Jonglei haben wir Tausenden von Menschen helfen können. 19 Priester und 7 Schwestern aus der Diözese Malakal, sowie 28 Priester und 20 Schwestern aus der Diözese Torit haben diesen Monat Lebensmittel bekommen. Sie haben viele Menschen vor dem Hungertod bewahrt. Unsere Notfall-Kliniken helfen, Leben zu retten: Kinder, welche an akuter, tödlicher Unterernährung leiden, an Krankheiten, die das Leben der Kleinen zerstören, die ohnehin schon vom Hunger geschwächt sind. Mit Ihrer Grosszügigkeit helfen Sie uns, ihnen zu helfen. Nochmals von Herzen vielen Dank für diese Hilfe
Mit unserem Nationalen Friedens-Komitee und dem für die Afrikanische Einheit zuständigen Sondergesandten des UN-Generalsekretärs haben wir die Staaten, in welchen gekämpft wird, besucht und die Situation vor Ort geprüft. Die humanitäre Lage verschlechtert sich rapide. Die Spirale (der Gewalt) gerät mehr und mehr ausser Kontrolle. Die Zahl der Betroffenen geht in die Millionen; die Betroffenen machen einen erheblichen Teil der Bevölkerung aus. Die Folgen zeigen sich weit über die Kriegsfront hinaus: Vielerorts fehlt es an Lebensmitteln, die ökonomische Krise bringt auch die Vertreibung von Menschen mit sich. Wir sahen weitverbreitetes Leiden, verstärkt durch das neuerliche Aufflammen der Kämpfe. Ich bin auch mehr und mehr besorgt wegen der Verletzungen des Internationalen Humanitären Rechts von allen Seiten, und wegen der brutalen Behandlung von Zivilpersonen.
Wahllose Angriffe und bewusstes Töten; das Verschwinden von Menschen, systematische Vergewaltigung und andere Formen sexueller Gewalt – das ist das Leben in dem vom Krieg zerrissenen Land. Die ständige Gewalt führt zu massiven Vertreibungen; fast ein Drittel der Bevölkerung ist davon betroffen. Manche fliehen aus Angst, andere werden gegen alles internationale humanitäre Recht zur Flucht gezwungen. Auch in Gegenden, in denen die Frontkämpfe nachgelassen haben, bleibt für die Zurückbleibenden ein allgemeines Klima von Furcht und Angst. Gezielte Angriffe verstärken die Unsicherheit und machen ein normales Leben unmöglich.
Wir waren Zeugen der anhaltenden Gewalt in der Gegend von Pagak, einer früheren Hochburg der Rebellen an der Grenze zu Äthiopien. Die Gewalt hat dazu geführt, dass die humanitäre Hilfe für die Ärmsten eingestellt wurde. Wir verurteilen alle Gewalt, in und um Pagak herum, ebenso in den Staaten Zentral-Oberer-Nil und Akobo. Diese Kette von Gewalt, Vertreibung und der Verweigerung von humanitärer Hilfe war die vergangenen vier Wochen im ganzen Land festzustellen und hat zu unsäglichem Elend unter denen geführt, die nur im Frieden leben und für ihre Familien sorgen möchten.
Die anhaltende Welle von absichtlicher Gewalt durch die südsudanesische Regierung gegen die eigenen Bürger kommt einem Verrat an der Nation gleich. Das Regime hat nicht nur Millionen von Bürgern entwurzelt und ihnen die Geborgenheit ihrer Häuser genommen, sondern sie hat sie bis in den Busch verfolgt, wo sie Zuflucht suchten. Es gibt in unseren Flüchtlingslagern, in die Menschen auf der Suche nach Sicherheit geflohen sind, Fälle von Entführungen, Folter und Mord. Der Terror gegen friedliche Bürger ist ein Verrat am Land. Der Schutz der Zivilpersonen gegen bewusstes Töten, sexuelle Gewalt, die Zerstörung der Häuser und gegen den Hunger muss eine Priorität der Afrikanischen Union und der Internationalen Gemeinschaft werden. Ebenso die gezielte Gewalt gegen die Zivilbevölkerung aufgrund ihrer ethnischen Zugehörigkeit, durch Tötungen, Entführungen, ungesetzliche Festnahmen, den Verlust der Freiheit, auch Vergewaltigung, sexuelle Gewalt und das Niederbrennen von Dörfern und Plünderungen.
Im Südsudan geht das Töten weiter. Oft rekrutieren die kämpfenden Gruppen Kindersoldaten und schmuggeln weiterhin Waffen aus Nachbarländern. Die Zivilbevölkerung durfte vernünftigerweise erwarten, dass der Sicherheitsrat mit der Drohung eines Waffenembargos ernst machen und gegen einige der führenden Leute, welche für die schweren Verletzungen von Menschenrechten verantwortlich waren, Sanktionen ausrufen würde.
Das Land wird (mehr und mehr) zu einem politischen Sumpf. Die Länder, welche gegen das Waffenembargo des UN-Sicherheitsrates waren, vereiteln weiterhin alle Versuche, die Leiden des Volkes zu erleichtern. Die Länder, die sich der Stimme enthielten, haben in der Region zudem wirtschaftliche Interessen, besonders China. Auch eine andere UN-Resolution wurde von den Ländern, die ein Embargo blockiert hatten, abgelehnt. Sie bezweifelten die Nützlichkeit einer Resolution, die den Einsatz von 4000 Soldaten aus andern afrikanischen Ländern autorisiert hätte. Diese hätten sich der Truppe von 1200 Soldaten der UN-Friedens-Mission angeschlossen. Währenddessen verschlimmert sich die humanitäre Krise. Unsere junge Nation ist von den Weltmächten verlassen worden. Nur wenige humanitäre Hilfswerke und unsere grosszügigen Brüder – wie Sie – sind mit ihren Spenden den leidenden und hungernden Millionen in grossem Masse zu Hilfe gekommen.
Viele Staaten (unseres Landes) sind zu Gegenden geworden, wo die Menschen in dieser schlimmsten Hungerkrise nichts finden. Der ernsthafte Mangel an Lebensmitteln hat im Südsudan zu kläglichen Lebensbedingungen geführt. Etwa 3 Millionen Zivilpersonen – etwa 40 % der Bevölkerung unseres Landes – benötigt dringend Lebensmittelhilfe. Da viele Gegenden des Landes von der Gewalt verschlungen werden und von Gewehrfeuer und Angriffen mit Macheten bedroht sind, leidet die Zivilbevölkerung in einem alarmierenden Mass an Unterernährung und Krankheiten.
Ich mache mir Sorgen und bete jeden Tag für unser Volk. Ich sehe schrecklich unterernährte und verzweifelte Familien, die dem Hungertod nahe sind. Die Kinder sind zum Lachen, Gehen und Spielen oft zu schwach und suchen nach etwas Aufmerksamkeit, bevor es zu spät ist. Fast überall, wo man hinkommt, sind die Menschen in Angst und Furcht auf der Flucht, klammern sich ans Leben und können doch nirgendwohin gehen und haben nichts zu essen. Sie haben auch keine Ahnung, wann und ob sie je wieder in Sicherheit heimkehren können. Ich weiss aus erster Hand, dass die Mangelernährung Zehntausende von Kindern im Südsudan trifft. Und mit der andauernden Vertreibung und wirtschaftlichen Unsicherheit nimmt ihre Zahl täglich zu. Unser Volk steht an einem Abgrund und kann nicht ohne Ihre Hilfe überleben. Wir danken Gott, dass es Priester, Freunde und Einheimische gibt, die das eigene Leben aufs Spiel setzen, um denen Lebensmittel zu bringen, die solche bei den andauernden Kämpfen am meisten brauchen.
Vergangene Woche führte ich mit Ältesten vom Volk der Lou Nuer, von Gajaak und Jikani Gespräche. Alle versprachen, mit uns zusammen zu arbeiten und den Friedensprozess zu unterstützen. Wir müssen zu diesen Ältesten gehen und anfangen mit ihnen zu arbeiten, um die Friedensbotschaft auszustreuen. Wir fordern die Dinka-Ältesten auf, mit den Ältesten von anderen Gemeinschaften die Botschaft des Friedens, der Versöhnung und Vergebung zu säen. Wir sind überzeugt, dass der friedliche Dialog der einzige Weg zur Beendigung des Konflikts ist und dass nur so die wirtschaftliche Lage des Landes wiederhergestellt werden kann. Ich sagte den Dinka-Ältesten, sie müssten unbedingt mit den Ältesten der anderen (ethnischen) Gruppen zusammenarbeiten und sich an die Ältesten in Yei, Torit, Kajokeji, Mundri, Yambio und an allen anderen Orten wenden, um miteinander über Frieden, Versöhnung, Einheit und Vergebung sprechen zu können
Nach einem einwöchigen Besuch aller Staaten, in denen die Kämpfe andauern, haben wir uns entschieden, um die dringend benötigte Lebensmittelhilfe und andere Formen der humanitären Hilfe für unser hungerndes Volk zu bitten; wir haben selber sehr viele Menschen, auch Kinder, gesehen, die zum Hungertod verurteilt sind. Es gibt im Südsudan 3,2 Millionen Flüchtlinge, sie leben in verschiedenen Lagern. 61 % der Flüchtlinge sind Kinder unter 18 Jahren. In den kommenden drei Monaten brauchen wir mehr als 5 Millionen Dollars, um die 3,2 Millionen Flüchtlinge zu ernähren. Das sind Familien wie die Ihre und die meine, unsere Brüder und Schwestern. Die Welt muss ihnen jetzt helfen – nicht später. Sie sind es, die am meisten in Gefahr sind, an Hunger zu sterben oder von ihrer eigenen Regierung angegriffen zu werden. Die internationale Gemeinschaft kann (darf) Südsudan jetzt nicht verlassen. Wir müssen gemeinsam alles tun, um Leben zu retten. Wir können nicht warten: Taten sind dringend erfordert, um den Opfern zu helfen und die andern vor künftigen Bedrohungen zu schützen. Tausende von Zivilpersonen leben in geschützten Einrichtungen der UNO-Mission im Südsudan. Sie sind in Gefahr, beim Verlassen der Lager von Angehörigen anderer ethnischer Gruppen umgebracht zu werden.
Wir haben zu neuen Wegen aufgerufen, die beide Kriegsparteien mit einschliessen, bei voller Beteiligung der politischen Führer in und ausserhalb unseres Landes. Beide, Präsident Salva Kiir und Rick Machar, Führer der Opposition, müssen im Land gegenwärtig sein, damit die vorläufigen Gerechtigkeits-Prozesse stattfinden können; es geht vor allem um Verantwortlichkeit und Versöhnung, denn diese Führer sind direkt für den seit vier Jahren tobenden Krieg in unserem Land verantwortlich; sie müssen persönlich mitbeteiligt sein, wenn es um Versöhnung und Rechenschaft geht.
Wir fordern die Streitkräfte auch auf, bei Angriffen auf Zivilpersonen und humanitäre Helfer die Straflosigkeit zu beenden; das internationale humanitäre Recht zu respektieren, besonders das Prinzip der Unterscheidung von Zivilpersonen und Militär. Frauen, Kinder, Alte und Behinderte vor jeder Form von Gewalt, auch sexueller, zu verschonen; und medizinische Einrichtungen zu schützen, auch die Verwundeten, die Kranken und das medizinische Personal. Wir fordern die lokalen Akteure, ebenso die einflussreichen politischen und traditionellen Führer auf, ihre Verantwortung wahrzunehmen und sich mit allen am Konflikt beteiligten Gruppen einzusetzen, um die Beobachtung des internationalen humanitären Rechts durchzusetzen. Die Bevölkerung unseres jungen Staates verdient es, in Sicherheit, Würde und Frieden zu leben.
Gott ruft uns alle auf, Frieden zu stiften. Beten Sie mit uns um Frieden. Beten Sie für jene, die in schwierigen Regionen leben. Beten Sie für sie, damit sie wissen, dass sie nicht vergessen sind. Wir rufen zu Frieden und Versöhnung auf, denn das ist es, was die Menschen, in diesem notleidenden Land, die vom bewaffneten Konflikt betroffen sind, möchten.
Unser besonderer Dank geht an Sie, unsere Brüder in Christus, und an alle Wohltäter für ihre finanzielle Unterstützung, die uns hilft, sehr viele Menschen in Not zu erreichen.


Gott segne Sie alle. Ehrfurchtsvoll, in Christus,
Ihr Germano Bernardo Baku


 

zurück

K
Go to top