Brief 32

 Wau, 21. Mai 2017

Lieber Abt Emmanuel,

Einmal mehr möchte ich Ihnen, der Abtei und allen Wohltätern von Herzen für Ihre Hilfe für den Südsudan danken, für Ihre grosszügigen Gaben, Ihr Gebet und Ihre Unterstützung. Hiermit bestätige ich auch den Erhalt der Mittel, die Sie uns gesandt haben; wir haben davon wieder Lebensmittel gekauft.

Um auf Ihr E-Mail zu antworten: Wir haben uns mit einigen Führern von Rebellen-Gruppen getroffen und über die momentane Situation gesprochen. Bis jetzt, da ich Ihnen schreibe, hat sich nur eine Rebellen-Gruppe zu einem Waffen-Stillstand bereit erklärt. Die andern Gruppen kämpfen weiter; die Lage wird von Tag zu Tag schlechter. Wir haben den Vorschlag gemacht, nochmals ein besonderes Treffen abzuhalten, die Gruppen an das Besprochene und Beschlossene zu erinnern, bevor wir ein weiteres besonderes Treffen organisieren, an dem der Präsident und alle Rebellen-Führer anwesend sein werden.

Am letzten Samstag ereignete sich ein grösserer Überfall auf das Vieh, wohl durch Stammesangehörige der Murle, gerade als Vorbereitungen getroffen wurden, um die Jugend vom Land der Murle zurückzurufen. Solche Angriffe und Gegenangriffe gab es während der vergangenen drei Monate vermehrt, beteiligt waren Dinka Bor und Murle: Die Jugend der Dinka Bor ging ins Land der Murle, um gestohlene Herden, Vieh und Kinder zurückzufordern. Das vertiefte den Stammeskonflikt zwischen den zwei ethnischen Gruppen, die seit mehr als 80 Jahre miteinander Krieg führen. Damit es Frieden geben kann, braucht es eine strenge Überwachung. Ich ging nach Pibor und wir sind übereingekommen, dass es Frieden geben muss. Dieser Friede muss überwacht werden. Wir brauchen etwa 2000 Polizei-Angehörige, um sie zwischen Jonglei, Lou und Pibor einzusetzen und kriminelle Aktivitäten an der Grenze zu kontrollieren. Wir baten die Regierung, uns dabei zu helfen. Es braucht Frieden, damit die Menschen normal leben und nach ihren Ziegen und ihrem Vieh schauen können. Die Regierung sollte für die Dinka Bor, Murle und Lou Schulen bauen. Wasserstellen müssen geschaffen werden, damit die Leute sich niederlassen können. Juba-Bor muss geöffnet werden und darf nicht mehr geschlossen sein. Die Leute müssen in ihre Dörfer in Makuach und Anyidi zurückgehen ... und auch die Murle können so in ihre Dörfer zurückgehen.

Der Südsudan ist voll von miteinander streitenden Kulturen – ein Land das versucht, eine gemeinsame Zukunft zu schmieden; die Rache und Vergeltung haben ein tragisches Niveau erreicht. Ein Beispiel ist die Gewalt-Eskalation zwischen den zwei Gemeinschaften der Dinka Bor und Murle (vgl. oben). Ganz klar: Der Konflikt zwischen diesen zwei benachbarten Gemeinschaften besteht seit undenklicher Zeiten und er dauert an. Er ist aber viel intensiver geworden, wegen der Menge von modernen, tödlichen Waffen-Systemen. Das heisst aber nicht, dass es nicht auch Zeiten der Ruhe gab. Es ist – wie auch in anderen Gemeinschaften – seit Generationen ein Teufelskreis von Gewalt, aber in der momentanen, modernen Situation besonders  schlimm.

Der Kreis beginnt immer mit Frieden und Ruhe. In solchen ruhigen und friedlichen Zeiten fallen aber uneinsichtige jugendliche Störenfriede über den Nachbarn her. Natürlich will der Nachbar zurückschlagen. Es folgen Vergeltungsschläge, bis wieder ein Friedensabkommen zustande kommt. So schliesst sich der Kreis von Gewalt und Frieden. Das Tragische an diesem Kreis ist, dass die Zerstörungen nie wieder  repariert werden können. Dieser Kreis bewegt sich in einem Vakuum: Es gibt keine dritte Partei. In unserem Fall gibt es eine dritte Partei: Die des Sicherheits-Apparates  der Regierung. Leider verlassen aber die Regierungsleute, die als dritte Partei Verantwortung tragen, aber zu den kämpfenden Ethnien gehören, ihre Aufgabe im öffentlichen Dienst und mischen sich in das Getümmel ein. Und so verschlimmert sich die Krise noch mehr. Versuchen Sie sich das folgende Szenario vorzustellen: Michael Makuie und David Yau Yau erhalten nukleare Codes, mit der Option jede Gemeinschaft auszulöschen. Den Rest können Sie sich denken.

Wir haben die Regierung des Südsudan und Mitglieder der Opposition für den kommenden Monat zu einer Versöhnungs-Konferenz eingeladen. Wir sind bereit, dem Land (Südsudan) bei der Umsetzung des Friedensabkommens von 2015 zu helfen. Wir haben die Versicherung und das Versprechen gegeben, dem Land bei der Umsetzung des Friedens-Abkommens beizustehen und so zu einer friedlichen Lösung des Konfliktes zu kommen. Wir werden über die Notwendigkeit eines dauernden Waffenstillstands sprechen, um die Gewalt in unserer jungen Nation zu beenden.

Wenn dies das immer wiederkehrende Muster ist, das mit Frieden und Ruhe beginnt, ist es dann nicht möglich, diesen Kreis zu stoppen und einer weiteren Eskalation zur Gewalt zuvorzukommen?

Soweit ein kurzer Bericht über die momentane Lage. Ich danke Ihnen noch einmal von Herzen für Ihre grosszügige Hilfe. Mögen Ihre Tage vom verdienten Segen erfüllt sein.

Ehrfurchtsvoll in Christus

Germano Bernardo Baku

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