Brief 30

Brief von Generalvikar Germano Bernardo Baku. Diözese Wau

Wau, 28. März 2017

Lieber Abt Emmanuel,

Mein Name ist Germano Bernardo Baku, ich bin Generalvikar der Diözese Wau und Geschäftsführer des Diözesanen Flüchtlings-Programms. Ich schreibe Ihnen, um zu danken, dass Sie mit uns im Dienst an den Flüchtlingen verbunden sind. Vielen Dank für die unglaubliche Grossherzigkeit in Bezug auf unser Volk und dafür, dass Sie auf diese Weise Ihre Liebe zu Christus mit den Flüchtlingen teilen, für die wir uns in diesem Land einsetzen. Möge Gott Sie vielfach belohnen; Sie haben auf die Gesichter der Flüchtlinge ein Lächeln gezaubert, mit Ihrem Gebet und mit Ihren Spenden. Wir haben von Ihnen viel Unterstützung bekommen und so erreichen wir mit unseren Programmen mehr als 1.6 Millionen Menschen. Wir sind sehr dankbar für Ihre Mitsorge und Mithilfe für die Flüchtlinge. Ohne die Hilfe Ihrer Gemeinschaft könnte unser Diözese keine Lebensmittel für all diese Flüchtlinge bereitstellen.

Wir haben unseren geliebten Bruder, Bischof Rudolf Deng Majak verloren. Er gehörte zu uns, mit der Bereitschaft, für die Menschen, denen wir dienen, da zu sein. Wir waren in unserem Dienst vielen Schwierigkeiten ausgesetzt, und doch konnten wir ihn leisten. Der Bischof wird im Südsudan als ein Bild (eine Ikone) des Friedens in Erinnerung bleiben. Ich übernehme seine Arbeit und bin auch bereit, Verfolgung auf mich zu nehmen, ich werde die Stimme der Stimmlosen sein.

Im Herrn sind wir ein Leib. Wir sind eine Nation und ein Volk, so müssen wir auch gemeinsam mit unsern Brüdern und Schwestern vorangehen und unsern Einsatz für eine Heilung erneuern. Das Leiden ist nicht irgendwo, es leidet nicht irgendwer;  es ist unser eigenes Leiden, in unseren Häusern. Wir müssen nach zusätzlichen Wegen suchen, ein offenes, ehrliches und bürgerliches Gespräch führen, was die ethnischen Beziehungen, neue Gerechtigkeit, Vergebung, Armut, den Gebrauch von Gewalt, ökonomische Fragen betrifft, und uns der Frage nach der alles durchdringenden (Kultur der) Gewalt stellen.

Der Prophet Jesaja sagt: „Keine Waffe, die gegen euch gerichtet ist, wird Erfolg haben“ (Jes 54,17). Ich bin zuversichtlich, dass wir nach diesem Wort alle Schwierigkeiten im Namen Jesu überwinden werden. –  Ich vertraue auf das Wort des Apostels: „Wir sind zuversichtlich, dass er, der das gute Werk in euch (Südsudan) begonnen hat, es auf den Tag Christi Jesu hin vollenden wird“ (Phil 1,6). Stehen wir zusammen und setzen wir uns für den Frieden ein. Der Friede, um den es uns geht, übersteigt das Stammesdenken, Bewunderung für (einzelne) Regionen, Bekenntnisse, Farbe, Status, politische Interessen und anderes mehr.

Wir dürfen das, wofür unsere Väter ihr Blut vergossen haben, nicht zerstören. Dies ist nicht eine Zeit des Auseinander-Reissens, sondern des Weiterbauens auf den Fundamenten, welche unsere grossen Männer und Frauen gelegt haben.

Die momentane Lage im Südsudan

Der Bürgerkrieg, der, wie wir oft gesagt haben, moralisch nicht zu rechtfertigen ist, geht weiter. Trotz all unseren Aufrufen an die verschiedenen Parteien, Gruppen und Individuen, ihn zu stoppen, gehen das Töten, Vergewaltigung, Raub, Vertreibungen, Angriffe auf Kirchen und die Zerstörung von Besitz im ganzen Land weiter. In andern Städten sind Zivilpersonen wegen der Unsicherheit auf den Strassen buchstäblich gefangen („in einer Falle“).

Es wird zwischen Regierungs- und Oppositions-Kräften gekämpft. Wir sind wegen der Gewalt, welche Regierung und Opposition an Zivilpersonen ausüben, sehr besorgt. Allem Anschein nach stehen an gewissen Orten die Angehörigen einzelner  ethnischer Gruppen auf der andern Seite und sind für die Armee eine Zielscheibe. Sie werden umgebracht, vergewaltigt, gefoltert, verbrannt, geschlagen, geraubt, belästigt, gefangen gehalten und aus ihren Häusern vertrieben; man hindert sie auch am Einbringen ihrer Ernten. Manche Städte sind „Geisterstädte“, sie stehen leer, ausgenommen die Sicherheitskräfte und vielleicht Mitglieder der einen oder andern Gruppe oder Ethnien. Auch wer in unsere Kirchen und in die Flüchtlingslager der Kirche oder der UNO geflohen ist, wird von Sicherheitskräften belästigt. Manche wurden gezwungen zu fliehen und in andern Ländern Schutz zu suchen. Mögen die offiziellen Stellen auch behaupten, sie könnten in ihre Häuser zurückzukehren, so fürchten sich die Menschen davor; an manchen Orten wurde gemäss der Taktik der „verbrannten Erde“ alles zerstört. Was bleibt den Menschen?! Diese „kollektive Bestrafung“ gilt nach der Genfer Konvention als Kriegsverbrechen.

Das Mass an Hass, das mit den Konflikten einhergeht, wächst stetig. Von Soldaten erwartet man zwar, dass sie im Kampf andere Soldaten töten; doch das Töten, Foltern und die Vergewaltigung von Zivilpersonen ist ein Kriegsverbrechen. Sie werden nicht nur getötet, ihre Leichen werden verstümmelt und verbrannt. Menschen wurden in Häuser getrieben und diese in Brand gesetzt, um die Bewohner umzubringen.  Leichen wurden in volle Jauchegruben geworfen. Es fehlt ganz an Respekt für das menschliche Leben.

Die Leute, die diese Verbrechen begehen, die sogenannten „unbekannten Gewehr-Leute“, sind gewöhnlich in Uniform und auch bekannt, aber sie scheinen straflos auszugehen. Wir waren Zeugen des Mordes an unserer Sr. Veronica, einer Ärztin, die von Soldaten niedergeschossen wurde, als sie am 9. März 2017 am Steuer einer deutlich markierten Ambulanz sass. Ihre Mörder wurden verhaftet, aber wir haben nichts mehr gehört und warten auf Gerechtigkeit.

Unser Land ist fest im Griff einer humanitären Krise – Hungersnot, Unsicherheit und ökonomische Engpässe. Unser Volk kämpft ums Überleben. In manchen Teilen des  Landes hatten wir sehr wenig Regen, aber wir zweifeln nicht daran, dass diese Hungersnot von Menschen verursacht ist, aufgrund der Unsicherheit und des armseligen ökonomischen Managements. Hunger erzeugt dann wieder Unsicherheit. In diesem Teufelskreis greift, wer Hunger hat und eine Schusswaffe besitzt, zum Plündern, um mit seiner Familie zu überleben. Millionen von Menschen sind betroffen, sehr viele wurden von zu Hause vertrieben und sind in unseren Flüchtlingslagern. Wo immer wir unterwegs waren, hörten wir Dorfbewohner sagen, sie seien bereit Blut zu vergiessen, um wieder zu ihrem Land zu kommen. Manche sagten uns, der Punkt, an dem es kein Zurück mehr gebe, sei erreicht.

Es bereitet uns grosse Sorge, dass Mitglieder der Regierung (auch) der Kirche gegenüber misstrauisch sind. In einigen Gegenden gelang es der Kirche, örtliche Friedens-Abkommen zu vermitteln; das wird aber leicht zunichte gemacht, wenn Regierungs-Mitglieder versetzt  und durch Hardliner ersetzt werden, die für die Friedensbemühungen der Kirche nichts übrig haben. Priester, Schwestern und anderes Personal sind belästigt worden. Einige Programme des Netzwerks unserer Pfarreien wurden gestoppt. Kirchen wurden niedergebrannt. Am 14. Februar versuchten Sicherheits-Offiziere unsern Katholischen Buchladen zu schliessen. Sie bedrängten unser Personal und nahmen eine Anzahl Bücher mit. Es gibt Leute, die sagen: „Die Kirche ist gegen die Regierung.“

Ich habe den Führern unseres Landes gesagt, die Kirche sei weder für noch gegen jemanden, ob Regierung oder Opposition. Wir sind   f  ü  r   alles Gute – Frieden, Gerechtigkeit, Liebe, Vergebung, Versöhnung, Gespräche, das Gesetz, eine gute Führung, und wir sind   g e g e n   das Böse – Gewalt, Töten, Vergewaltigung, Folter, Plünderungen, Korruption, willkürliche Verhaftungen, Stammesdenken,  Diskriminierung und Unterdrückung, wo immer es sie gibt und wer immer dafür verantwortlich ist. Wir sind jederzeit zum Gespräch mit der Regierung und zwischen der Regierung und der Opposition bereit.

Wir haben zur Zeit 890‘438 Flüchtlinge in unseren Lagern. Weil es uns an genügend Lebensmitteln für all diese Menschen fehlt, verschlechtert sich die Lage. Es ist momentan die schlimmste Flüchtlingskrise in Afrika, die viertgrösste in der Welt. Und es fehlt ganz an internationaler Aufmerksamkeit für diese Krise, die sich da entwickelt hat. Ich weiss nicht, wie viele Tausende noch fliehen und umkommen oder sterben müssen, bis die internationale Gemeinschaft aufwacht und realisiert, was hier bei uns geschieht.

Der Weg vorwärts

  1. Zuerst müssen wir handeln, um die humanitäre Krise zu vermindern. Wir rufen die übrige internationale Gemeinschaft auf, das auch zu tun. Wir bemühen uns, für diese riesige Zahl von Flüchtlingen Lebensmittel zu finden.
  2. Wir wollen uns -  von Angesicht zu Angesicht - nicht nur mit dem Präsidenten treffen, sondern auch mit dem Vizepräsidenten, mit Ministern, Mitgliedern des Parlaments, den Führern der Opposition, den vielen militärischen Führern und mit allen, die, wie wir glauben, die Stärke haben, unser Land zum Besseren zu führen. Wir wollen uns mit ihnen nicht nur einmal treffen, sondern so oft das nötig ist. Mit der Botschaft, dass wir Taten sehen müssen, nicht nur Gespräche um der Gespräche willen. Der Evangelist Lukas erzählt das Gleichnis von der Witwe, die vom Richter ihr Recht wollte und die dieses nur deshalb bekam, weil der Richter Angst hatte, sie könnte ihn noch länger belästigen (vgl. Lk 18). Wie diese Witwe wollen  wir keine Ruhe geben und immer wieder zu jenen gehen, welche für unser Land Verantwortung tragen.
  3. Örtliche Gespräche, Austausch über die Unterschiede von Ethnien oder Stämmen. Gespräche auf der Ebene der bewaffneten Gruppen und der Führer der Gemeinschaften. Das Ziel ist es, den Krieg zu stoppen und alle SPLA Soldaten soweit zu bringen, dass sie ernsthaft, im Sinne der Nation, und verantwortungsbewusst handeln. Als Südsudanesen müssen wir zeigen, dass uns unser Tun leid tut und wir uns schämen.
  4. Unser Trainings-Programm (Einsatz für den Frieden) für Volks- und Stammes-Führer weiterführen. Weil die Gewalt ethnisch bedingt ist, braucht es Programme für Wahrheit, Gerechtigkeit und Versöhnung auf der Ebene der Gemeinschaft. Das würde es unserem Volk ermöglichen, das Geschehene auszusprechen und Lösungen zu finden.

Schluss

Wir haben unsere Priester aufgerufen, geistlich stark zu bleiben und Zurückhaltung, Toleranz, Vergebung und Liebe zu üben. Für Gerechtigkeit und Frieden zu arbeiten; Gewalt und Rache abzulehnen. Wir werden weiter die Stimme dessen sein, der in der Wüste seine Stimme erhebt. Wir müssen unserem Volk versichern, dass es nicht verlassen ist und dass wir daran arbeiten, auf den vielen Ebenen Lösungen für die Situation zu finden.

Ehrfurchtsoll in Christus,

Mons. Germano Bernardo Baku, Generalvikar von Wau

 

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